![]() Ihr wollt bestimmt wissen warum wir Deutschland verlassen haben? Die Geschichte ist die folgende... Wir sind Russen. Wir sind im Herbst 1993 nach Deutschland gekommen. Warum? Hm... Die wirtschaftliche Lage in Russland wurde immer schlechter, deswegen hatten wir uns entschieden nach Deutschland zu gehen. Es gab halt eine Gelegenheit und die haben wir ausgenutzt. Kann man denn so einfach nach Deutschland kommen? Nein, so einfach war es nicht. Wir durften nach Deutschland weil meine Oma mal einen deutschen Schäferhund hatte, also gehören wir irgendwie zum deutschen Volke. Und überhaupt wollten wir so gerne nach Deutschland. Wir hörten oft, dass es in Deutschland Sozialhilfe gibt, Coca Cola, Schokolade und alles Mögliche. Einfach alles! So haben wir uns entschieden nach Deutschland auszusiedeln. Eigentlich wollten wir gar nicht in Deutschland siedeln. Wir wollten nur uas Russland raus. Daher der Name "Aussiedler". Und weil manche von uns am späten Abend oder Nachts heimlich nach Deutschland kamen wurden wir zu "Spätaussiedlern" ernannt. Wir planten etwas länger zu bleiben, solange es Sozialämter in diesem Land gibt. Aber dann hat es uns doch nicht so dolle gefallen. Deutsche Sprache konnten wir ja nicht. Überhaupt nicht. Wir hatten einmal kurz versucht diese zu lernen, war aber irgendwie schwer - dat, wat, nö, gell? Beruf hatten wir keinen. Überhaupt keinen. Eigentlich hatten wir früher gearbeitet, aber das zählt nicht, weil in einem Drittland gibt es ja kaum Berufe, und die Leute dort wissen und können wesentlich weniger als die Leute in Deutschland. Kompjuter? Den hatten wir erst in Deutschland zum ersten Mal gesehen. Aber das allerschlimmste war für uns in Deutschland, dass man nicht oft Vodka trinken durfte. Nicht bei der Arbeit und nicht beim Autofahren. Besonders beim Auto fahren. Da waren die deutschen Polizisten ganz streng und haben uns immer erwischt. Immer! Weil wir nur besoffen fahren können. Nüchtern zu fahren ist auch irgendwie viel zu langweilig. Waffen durfte man leider auch keine haben, keine Kalaschnikovs und keine Schlachtmesser. So konnten wir nicht unseren kriminellen Trieben folgen und wurden immer aggressiver. Und es gab keinen Frost in Deutschland, nur Regen. So konnte ich meine geliebten Anziehsachen - Fellmütze und Pelzmantel - nicht tragen. Dazu kam noch, dass die Kinder Hasch rauchten und klauten wie die Raben. Täglich! Und sie kamen in der Hauptschule nicht mit, mussten auf eine Sonderschule. Arbeiten wollte ich nicht besonders, meine Frau auch nicht. Oft war es auch schwer zu arbeiten, weil man am Vortag gefeiert hatte und danach fühlt man sich irhendwie ganz schlecht. Ach ja, die Leute hatten sich aufgeregt, es gefiel ihnen der Geruch von Knoblauch und Zwiebeln nicht. Sie wollten nicht verstehen, dass es unser Leibgericht ist, wir ernähren uns davon. Besonders zum Frühstück, da essen wir nur Knoblauch mit Speck und Vodka. Dann tanzen wir den ganzen Tag und schreien und fluchen, worüber sich die Nachbaren auch tierisch aufregen. Und es gefällt ihnen nicht wie wir Harmoschka spielen, Piroschki essen und Katjuscha singen. Aber das Allerschlimmste war wahrscheinlich, dass man nicht klauen konnte. Für uns, ein Diebesvolk, war das einfach unerträglich. Wir wurden so erzogen und können nicht anders leben. Das ist es doch, was ein deutsches Herz so gerne hört, oder? Ob man jetzt darüber lachen oder weinen sollte - diese Entscheidung überlasse ich euch und eurem IQ. Von Anfang an hieß es für uns - es ist nicht unser Volk und es ist nicht unser Land. Ich kann eigentlich überall leben, aber nicht dort wo ich herzlich unwillkommen bin. Also - ade, good old Germany! Vorbei der Traum meines Großvaters, der immer prophezeite, dass wir irgendwann nach Hause zurückkehren dürfen. War leider kein Zuhause... Wir haben uns entschlossen nach Kanada zu genen. Wohin sollten wir denn sonst hin? Warum nach Kanada? Bestimmt hat dieses Land etwas, was die anderen Länder nicht haben. Warum Halifax? Hmmm... Gute Frage! Schicksal? Nein. Zufall? Nein. Eher Stursinn. Ja-ja, die Dickköpfigkeit. Fragt jeden in Canada: "Wo ist die Arbeitslosigkeit an höchsten?" und jeder sagt euch "In Nova Scotia". Das macht einen leicht nachdenklich. Wie auch die Aussage, dass die Polen Autos klauen, die Russen Vodka saufen, die Deutschen Ausländerfreundlich und die Amis Friedenskämpfer sind. Ich versuche aber immer mir meine Meinung selbst zu bilden. So haben wir alles analysiert und sind allen Gerüchten trotz nach Nova Scotia gekommen. Zuerst haben wir uns natürlich das ganze Land angeschaut, einige Monate in anderen Provinzen verbracht, danach mit Wohnwagen das gaze Land durchquert und so sind wir nach Halifax gekommen. Hier hat es uns sofort gefallen, hier haben wir uns niedergelassen. Ich habe schnell ein paar gute Angebote erhalten und danach einen Job aufgenommen. In anderen Provinzen hat man mich einfach ignoriert und nicht mal zum Inerview eingeladen. Hier habe ich viel Hilfe und Unterstützung erhalten, meistens von kompetenten Leuten, Mitarbeitern der Immigrationsstelle. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist nicht rosig, wie auch überall. Ich denke eine große Rolle spielt nicht nur die Anzahl von offenen Arbeitsstellen, sondern auch die Zahl der Bewerber. Natürlich ist es auch von Beruf zu Beruf unterschiedlich und Region abhängig. Gut, einen Job habe ich gefunden. Aber einen guten Job hatte ich auch in Deutschland. Einen sehr guten. Was gefällt uns hier so besonders? Eigentlich alles. Wirklich alles. Zum Beispiel das Klima. Es ist mild. Der Winter ist schneereich, aber es gibt keine klirrende Kälte. Der Sommer ist warm, aber nicht unerträglich heiß. Keine Moskitos! Viel Kultur, was in Canada gar keine Selbstverständlichkeit ist. Veranstaltungen, Konzerte, Vorlesungen, einfach "art". Was uns noch freut sind die kleinen Enfernungen. Die sind wirklich nicht groß, was bei den heutigen Spritpreisen verdammt wichtig ist. Der Wohnungsmarkt! Es gibt mehr als genung Immobilien und Wohnungen, wie zum Kaufen so auch zum Mieten. Auch leider keine Selbstverständlichkeit. Ich war in Orten wo es keine freien Wohnungen gab. Schwer zu glauben, aber es gab halt keine. Später habe ich erfahren, dass es mit dem niedrigen Einkommen in dieser gegend zu tun hat, so bauen oder kaufen die Leute weniger und leben öfter zur Miete. Zu den Immobilien - die sind sehr bezahlbar. Und die Auswahl ist riesig. Die preise für Lebensmittel sind etwas teurer als sonstwo in Canada. Die Stadt ist klein. Es ist wahrscheinlich die einzige Stadt in Canada, wo man sehr gut auch ohne eigenes Auto auskommen kann. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind gut. Der Flughafen ist nicht weit, wie gesagt im Sommer gibt es direkte Flüge nach Deutschland. Das Meer! Das unendliche, faszinierende weite Meer. Wo man segeln und paddeln kann. Wo man ohne jede Erlaubnis angeln darf. Wo man Seehunde und Waale sieht. Das ist so beindruckend, ihr könnt es euch nicht vorstellen. Nicht als Tourist mit einem Schiff die Tiere zu verfolgen um ein Foto zu schießen, sodern irgendwo am Ufer sitzend plötzlich diesen Riesen vor dir auftauchen zu sehen. Fast überall and der Küste gibt es kleine gemütliche Fischerdörfer. Etwas weiter weg von der Küste gibt es Täler mit Obstgärten. Die Natur ist traumhaft schön. Als ich das erste Mal im See schwimmen war konnte ich es nicht fassen, wie klar und blau das Wasser war. Und das mitten in der Stadt. Sonst kann man im Sommer direkt auf der sg. Bundesstraße anhalten und in einen der vielen Seen springen. Was viele auch gerne machen. Der Herbst. Der unbeschreiblich schöne bunte Herbst, mit seiner frischen Luft und mit der prächtigen Farben. Die Leute reisen um die halbe Welt um den Indian Summer zu erleben. Hier gehört es zum Alltag. Schönes Klima und schöne Natur gibt es auch in anderen Ländern. Was macht denn Kanada so speziell? Ich verrate es euch. Es sind die Leute. Die Leute, die freundlich sind. Nett sind. Die dich immer anlächeln. Die hilfsbereit sind. Leute, die ein Herz haben. Sinn für Humor haben. Einfach und unkompliziert sind. Die offen sind, die einander helfen, die sich für alles interssieren und wenig Vorurteile haben. Und diese Leute haben meiner Meinung nach etwas ganz besonderes - eine innere Stärke. Friedlich und nicht aggressiv besitzen sie eine besondere innere Kraft und halten zu ihrer Lebensweise fest. Und haben nichts Gemeinsames mit den Nachbarn, den USA, zu tun. Aber auch hier ist der "american way of life" present, was ich ganz toll finde. Und ganz schnell fängt man an das Wichtigste zu schätzen - das inoffizielle kanadische Motto "Leben und andere leben lassen." Das ist unsere neue Heimat. Hier fühlen wir uns wohl. Hier sind wir zu Hause. Meine Verwandten und Bekannten fragen mich immer, ob ich Deutschland vermissen würde. No comment! Deutschland überlassen wir den Deutschen. Wie Heine so schön sagte: Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen. Wir fühlen uns hier gut. Echt gut. Verdammt gut. Wir haben uns ein Haus gekauft, ich arbeite, die Kinder gehen zur Schule, zurück nach Deutschland will natürlich keiner. Wir arbeiten hart, genießen das Leben, schmieden Pläne und freuen uns auf die Zukunft. |